Zeitzeugen:Weihnachtsmann in Nöten – Vom Beinahe-Unfall im Kristallpalast

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Von Werner Richter

Wir schrieben das Jahr 1954. Der KONSUM Magdeburg hatte die gute Idee (und die finanziellen Mittel), im Kristallpalast, Leipziger Straße in Magdeburg, eine Weihnachtsfeier für rund 250 Kinder seiner großen Belegschaft – gemeinsam mit Eltern und Großeltern – zu organisieren.

Die Gestaltung der Bühne und auch des Saales, den Eingangsbereich eingeschlossen, wurde durch unsere Werbeabteilung besorgt. Auch mit dem Aufbau von ein paar Verkaufsständen an einer Innenfront des Saales hatten wir ein wenig Weihnachtsmarktstimmung erreichen können.

Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann, der die Feier einleiten sollte. Er war zwar schon seit langem von der BGL auserwählt, aber nun war der Bursche plötzlich krank.

Nachdem lange gesucht und niemand gefunden wurde, hatte man sich nicht gescheut, mir trotz meiner vielen gestalterischen Aufbautätigkeiten auch noch das Auftreten als Weihnachtsmann anzubieten. Dass Richter kaum „Nein“ sagen konnte, muss vielen Kollegen seit langem bekannt gewesen sein. Ich sagte zu, schon der lieben Kinderchen wegen. Schließlich sollte ja mein fast fünfjähriger Wolfgang auch dabei sein. Ihm erzählten wir aber davon noch nichts.

Die letzten Weihnachtsvorbereitungen – sowohl im Betrieb als auch zu Hause in der Familie – waren angelaufen, und der Termin für die vormittägliche Kinderweihnachtsfeier im Kristallpalast war herangekommen.

Der große Konzert- und Tagungssaal war gut besucht von einer großen Kinderschar, jeweils von einem Elternteil, Oma oder Opa begleitet und betreut.

Mein Wolfgang saß ganz aufgeregt bei seiner Omi Hedwig; seine Mutti konnte nicht weg aus ihrem Laden, obwohl sie ganz gerne ihren Liebsten als Weihnachtsmann auf der Bühne erlebt hätte.

Mein Einzug in den Saal im knallroten Knecht-Ruprecht-Dress war schon eine kleine Sensation. Mächtig schallte der Klang einer kleinen Schiffsglocke, die ich mal schnell aufgetrieben hatte. Vor mir trippelten ein paar niedliche Engelchen in hübschen weißen Kleidchen und langen weiss-bläulichen Fittichen. Ein Pfleger vom Tierpark zog mit einem kleinen, sehr zahmen Rehlein neben mir her. Aus einem Lautsprecher von der Bühne her erklang feierlich ein Weihnachtslied. Ein paar lustig gekleidete Wichtelmänner trugen ein Tannenbäumchen mit brennenden Kerzen, die von einer mitgeführten Batterie gespeist wurden.

Kurzum, so etwas hat selbst die Leitenden des KONSUMs vom Hocker gehauen. Die Kinder und Erwachsenen im großen Rund staunten nicht schlecht. Ich selbst war von den strahlenden Kinderaugen so hingerissen, dass ich annahm, ich wäre im falschen Film. Meine Schwiegermama und den Kleinen konnte ich jetzt im allgemeinen Gewühle nicht entdecken.

An der Bühne angekommen nahm ich Abschied von meinem Gefolge samt Rehlein und Englein, stieg mit Sack und Rute nach oben und begrüßte feierlich die vielen Kinder im Saale und gab auch gleich ein paar Hinweise auf das folgende Phantasie-Märchen, welches von einer Theatergruppe dargeboten werden sollte. Ich lobte die Artigen und rügte die weniger Braven, mochte sich jeder aussuchen, in welche Gruppe er gehörte. Dann holte ich meine Mundharmonika hervor, ein gutes Konzertinstrument, und spielte ein schönes Weihnachtslied. Ich weiss es noch heute, es war „Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau'n, kommet das liebliche Kindlein zu schaun...“

Im Saal war es muchsmäuschenstill. Ein mundharmonikaspielender Weihnachtsmann muss auch Seltenheitswert haben.

Auf einmal ertönte eine laute Kinderstimme: „Das ist mein Papi!“ So, jetzt wusste ich auch, wo Klein-Wolfgang mit seiner Omi zu finden war. Es wurde im ganzen Saal laut gelacht, das lässt sich ja denken. Oma versuchte jedenfalls, den schier aus dem Häuschen geratenen Enkelsohn zu beruhigen.

Die Oma meinte hinterher, der Kleine hätte schon ein paarmal angesichts der Bewegungen und der Stimme Andeutungen gemacht, dass der Ruprecht wie der Papa aussehen würde. Nun kam noch die Mundharmonika dazu, da war alles klar. Das konnte nur der Papi sein.

Über mir hing ein Transparent mit einer Losung. Dafür waren wir DDR-Werbeleute und Propagandisten ja Spezialisten. Ein schwerer Holzrahmen war das mit einer ebenso massiven Holztafel, auf der geschrieben stand, „Das Weihnachtsfest 1954 – ein Fest des Friedens und des Kampfes für die Einheit Deutschlands!“

Mein Harmonika-Solo wurde mit Sonderbeifall belohnt. Jetzt ließ ich den Vorhang zum angekündigten Winter-Theater öffnen. Ein vielstimmiges „Aaah“ ging durch den Saal. Es bot sich den Gästen wirklich ein herrliches Bühnenbild mit verschneitem Wald, einer Höhle und gemalten Tieren. Kunststück, auch das stammte alles von mir.

Jetzt musste ich auch verschwinden, denn ich gehörte zu den Kletterkünstlern, die in luftiger Höhe über der Bühne die Schneeflocken tanzen lassen sollten.

Kaum hatte ich auf der Bühne den Schritt zur Seite gemacht, da kam von oben das schwere Schild herabgesaust und schlug mit einem Mordsknall unmittelbar neben mir auf der Bühne auf. Genau da, wo ich gerade noch munter musiziert hatte.

Zeitzeugen - Weihnachtsmann in Noeten.jpg

Anstatt geschockt die Flucht zu ergreifen, nahm ich all meine Kraft und meinen Grips zusammen und sprach in den Saal hinein:

„Liebe Eltern, Großeltern und liebe Kinder! Nehmen wir mal an, unser Wunsch nach einem fröhlichen und friedlichen Weihnachtsfest und unser Kampf um dauerhaften Frieden und um die deutsche Einheit hätten sich gerade erfüllt. Dann brauchen wir solche Schilder nicht mehr. Nehmt es weg! Es lebe die deutsche Einheit!“

Der Saal tobte, stehende Ovationen.

Viele Menschen glaubten wohl, das wäre ein zusätzlicher Gag von uns gewesen.

Das Transparent muss sich aber durch das Öffnen des zweiten Vorhangs aus der Aufhängung gelöst haben, ein technischer Mangel sicherlich, aber vor allem wohl ein menschlicher Fehler, der sich beim Aufhängen durch die Bühnenarbeiter ergeben hatte. Das superschwere Plakat hätte mich erschlagen können.

Hauptsache die Menschen im Saal nahmen es heiter, das anschließende Winterspiel im Märchenwald erfreute alle. Auch ich beruhigte mich und nahm es gelassen.

Aber vergessen habe ich die brenzlige Situation nicht.

Ein Jahr darauf wurde von der BGL wieder ein Mensch für die betriebliche Kinderweihnachtsfeier gesucht. Ich war im Gespräch. Ich blockte rasch ab. Meine Entscheidung:

Leute, nicht noch mal, ohne mich!

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