Zeitzeugen:Weihnachtsfrisur mit Hindernissen
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Von Werner Richter
Seit Monaten schickte mich meine Mutter immer zum gleichen Friseur in die Baenschstraße zwischen Otto-von Guericke-Straße und Bahnhofstraße. Der zweite Advent war vorbei, das Schaufenster des Friseursalons schon festlich dekoriert mit einem nickenden Weihnachtsmann, der einen mächtigen Sack buckelte. Nach Mutters Meinung sollte ich zum Fest ordentlich aussehen, und so ging ich zum Friseur. Trotz meiner fast zwölf Jahre wurde ich auf einen Kinderstuhl gesetzt, der aber sehr hoch gespindelt wurde, so dass ich wie ein Wildschütz auf dem Hochsitz thronte. Wie immer fragte der Friseur: Na, wie soll diesmal der Schnitt sein?“ Ich antwortete: „Herrenschnitt und kurzer Pony!“ Das bedeutete kurz geschnittenes Stirnhaar wie bei einem Ponypferdchen. Der Meister wusste nun Bescheid und begann zu schneiden. Die Maschine summte, die Schere flitzte durchs Haar, bis plötzlich mein Sitz wie bei einer Jahrmarktmesseneuheit herunterfuhr. Der Meister musste an den Stuhlhebel gestoßen sein, und dabei haute er mir mit der Haarschneidemaschine eine Beule an den Kopf. Vor Schreck biss ich mir auf die Zunge, dass sie tüchtig blutete. Welch ein Aufruhr im Friseursalon.
Da es auch schon damals hilfsbereite und nette Menschen gab, wurde ich im Lieferwagen eines Nachbarladens zu unserem Hausarzt Dr. Hellwig in die Kantstraße kutschiert. Nach Meinung des Arztes war die Wunde nicht so schlimm, zumal das Bluten aufgehört hatte. Die Zunge wurde mit einer Tinktur bestrichen, eine Pille musste geschluckt werden und das war's. Zur Wohnung der Eltern war es nicht weit, Mutter meinte:“Der Friseur hat aber heute nicht gut geschnitten.“ Ich lispelte: „Er ist ja auch noch nicht fertig!“ Dann erzählte ich die verrückte Geschichte. Am nächsten Tag wurde der weihnachtliche Herrenschnitt mit kurzem Pony vollendet, diesmal aber nicht auf dem wackeligen Drehstuhl.