Zeitzeugen:Stasi im Eileinsatz
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Von Werner Richter
Es war Anfang der sechziger Jahre, als auf dem Domplatz eine bedeutsame Neuerermesse für den Bezirk Magdeburg durch den Staravosi (Staatsratsvorsitzenden) Walter Ulbricht und seine Ehefrau Lotte feierlich eröffnet wurde.
Auch unsere VVB Ol und Margarine hatte eine große zentrale Koje mit neuen kaloriereduzierten Pflanzenölprodukten gestaltet. Für den Gesamtaufbau hatte ich wie so oft als Leiter des Werbeateliers den Hut auf.
Die Warenträger waren sämtlich aus Glas, die ausgestellten Erzeugnisse ausschließlich Originale von Margarinebechern und -würfeln sowie Ölflaschen verschiedener Sorten. Eine Abnahme der Ausstellungsgegenstände hatte durch eine Vielzahl von Verantwortlichen bereits stattgefunden mit dem Ergebnis: Es war alles in Ordnung.
Die Eröffnung wurde durch den Vorsitzenden des Bezirkswirtschaftsrates vorgenommen, Walter Ulbricht brauchte nur noch zu sagen: "Die Ausstellung ist eröffnet." Und nun erfolgte der Rundgang der Obrigkeiten von Parteien, Staat und Stadt.
Auch wir warteten als zuständige Vertreter am Stand der Öl- und Margarinefabrikanten auf unser DDR-Staatsoberhaupt und sein Gefolge.
Aha, da kamen sie ja schon, besser gesagt, endlich, denn seit der Eröffnung waren fast 1 1/2 Stunden ins Land gegangen.
Unser Exportleiter hatte gerade zu seiner kurzen Informationsrede über die hohen Werte der gezeigten Neuerererzeugnisse für die gesunde Ernährung der Bürger angesetzt, da kracht es ganz fürchterlich und unter gewaltigem Gepolter stürzten alle unsere Glasaufbauten samt Dekoration zusammen. Die Klamotten flogen in weitem Bogen bis auf den Gang und den Honoratioren direkt vor die Füße.
Ulbricht riss die Arme hoch und rief: "Was ist los, Lotte?" Eigentlich eine dumme Frage. Alle Umstehenden sahen doch, was los war.
Ein stadtbekannter Fotoreporter war "emsig, flott und immer aktuell" auf den Rand des Podestes getreten, um ein Foto für die Tagespresse mit Ulbricht und anderen zu schießen. Dieses plötzliche, zu wild federnde Aufspringen hatte die mächtige und höchst peinliche Verwüstung ausgelöst. In und an unserem Stand sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Von der Stasi eilten wie der Blitz ein paar Leute heran, die sich dem Schock Ulbrichts widmeten und ihn sanft wegfährten; ein paar andere Sicherheitswächter knöpften sich den genau so schockierten Fotokünstler vor und zogen mit ihm von dannen.
Das Aufräumen mit zahlreichen Hilfkräften dauerte ein paar Stunden. Neugierige Gaffer standen auch genug herum. Der Fotomeister entschuldigte sich später mehrmals bei uns. Die Versicherung zahlte den Schaden. Aus den Trümmern versuchte ich, unbeschädigte Dekoteile und Exponate zu retten.
Übrigens hatten die Genossen der Staatssicherheit auch bei mir nachgehakt, ob ich nicht zu leichtfertig mit den vielen Glasaufbauten umgegangen sei, das Risiko wäre doch groß. Nein, das war ich keineswegs, denn so hatten wir auf den weltoffenen Messen in Leipzig ebenfalls gestaltet. Basta!