Zeitzeugen:Das fehlerhafte Plakat

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Von Werner Richter

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In unserer Abteilung Gebrauchsgrafik der KONSUM-Werbung arbeitete auch ein gehörloser Kollege, der trotz seiner bedauerlichen Behinderung ein ganz zuverlässiger, fleißiger, sehr gelehriger und schreibgewandter Meister von Pinsel und Farbe war. Er besaß persönlich ein großes Pinselsortiment und beherrschte alle Schriftarten und -größen, von der Visitenkarte bis zur 4 m hohen Sichtwerbetafel. Und Heinz schreckte vor keiner noch so schwierigen Aufgabe zurück.

Allerdings mussten wir ihm wegen des beeinträchtigten Hörens und Sprechens alle gewünschten Texte aufschreiben. Alles weitere erledigte er in eigener Verantwortung. Nach einigen skizzenhaften Strichen, die wir ihm als Starthilfe vorgeben wollten, winkte er meistens ab und schritt zur Tat ohne unsere weitere Hilfe.

Im Kollektiv war Heinz beliebt. Er war ein fröhlicher, stets gut aufgelegter, eben ein sympathischer Kumpel. Er konnte so herzhaft lachen, wenn irgendwo irgendetwas in unserem Atelier passierte, was seine Lachmuskeln reizte. Wenn er losprustete, mussten wir meist alle mitfeixen.

An einem sonnigen, trockenen Tag hatten wir wieder einmal auf dem Hof eine große Tafel zu stehen, die beim besten Willen in keinen Atelierraum passte.

Es war eine Verpflichtung zu Ehren der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin mit dem Logo der Spiele darauf zu gestalten.

Grundsätzlich war ich immer für jede Textzeile und für alle bildlichen Darstellungen verantwortlich, die in die Öffentlichkeit losgelassen werden sollten. Das galt nicht nur für die Aussagen in den Schaufenstern, sondern auch für alle Losungen in der Sichtagitation. Also las ich, nachdem unser Heinz mir freudig erregt zu verstehen gab, dass er mit dem Riesenplakat auf dem Hof fertig sei, schon vom Fenster aus im II. Stock unseres Hauses den Text zweimal durch, und ich entdeckte auch keinen Fehler. Als er nach oben kam, lobte ich ihn besonders, weil mir auch die Aufteilung, die Farbgebung und die Art der Schriften so gut gefiel.

Heinz war selig, schlürfte seinen verdienten Kaffee zur Klappstulle; ich war zufrieden, weil der geplante Aufstelltermin in der Stadt realisiert werden konnte. Am anderen Tag wurde die Großtafel mit einem LKW zum Deutschen Platz, dem heutigen Uni-Platz, gebracht und am Theater aufgestellt.

Schon am nächsten Tag kam ein stürmischer Anruf von der Leiterin für "Mitgliederorganisation und politische Massenarbeit", die beim Vorstand in der Rogätzer Straße saß: "Du, Werner, ihr müsst an der Werbetafel am Theater was ändern. Da ist ein doller Korken drauf. Kümmere dich sofort darum!" Ich wollte Näheres über den ???Korken??? erfahren, aber die Dame hatte bereits aufgelegt.

Ja, was nun, Herr Richter? Nischt wie hin erst mal und nachgucken. Als ich vor dem gewaltigen Monstrum stand und las, musste ich doch bei aller Peinlichkeit ganz schön grinsen. Das taten auch die Gaffer am Warenhaus auf der anderen Straßenseite. Die Schrift war ja groß genug.

Bei der Verpflichtung der Konsumgenossenschaftler, die Weltfestspiele aktiv vorzubereiten, stand da wörtlich anstatt "vorbereiten" "vorbeireiten". Au backe, das hatte Richter, der Textprüfer, tatsächlich überlesen.

Mit Pinseln und den erforderlichen Farbtöpfen und selbstverständlich mit dem Übeltäter Heinz selbst machten wir uns im Dienstwagen eiligst auf die Socken, um die Panne zu beseitigen.

Beim Anblick der "Vorbeireiterzeile" musste unser taubstummer Heinz so unverschämt lachen, dass ihm die Tränen herunterliefen. Mir gings nicht viel anders. Rasch wurde i beseitigt, das e verbreitert und das r versetzt und fertig war der Lack, wie man so schön sagt. Bei schnell trocknenden Latexfarben ist das kein Problem.

Bei der nächsten Werbeleiterberatung der Magdeburger Betriebe kriegte ich von den Wettbewerbspartnern der HO (unsere Konkurrenz!) den Weltfestspiel-Gag schmunzelnd untergejubelt.

Das hatte ich eigentlich auch erwartet.

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